Die Partei Die Linke stellt eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung – diese Nachricht wird unter Migräne-Betroffenen mit Freude aufgenommen. Endlich nimmt jemand aus der Bundespolitik das Leid dieser unsichtbaren Erkrankung wahr, mit der schwer Betroffene Tag für Tag kämpfen.
Die MigräneLiga als maßgebliche Patientenorganisation betrachtet viele der von der Linksfraktion zusammengetragenen Fragen als wichtig und positiv. So begrüßen wir insbesondere die Fragen zur Länge der Wartezeiten auf Facharzttermine sowie die Fragen zur Belastung chronisch Kranker durch Medikamentenzuzahlungen, die im kürzlich beschlossenen GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz erhöht wurden. Ebenfalls den Folgen des GKV-Gesetzes geschuldet sind Fragen nach Therapieabbrüchen aus Kostengründen. Zu Recht stellt die Fraktion auch die Frage nach den Auswirkungen der Krankschreibung ab dem ersten Tag; diesen Vorschlag der Bundesregierung kritisiert die MigräneLiga heftig und hat eine Petition gegen die AU-Pflicht gestartet.
Auch bei uns sind die Fragen nach Erwerbsminderungsrente und den Quoten der Ablehnung der Anträge Thema.
Die Kleine Anfrage befasst sich zudem mit der Frage, wie viele Betroffene einen Grad der Behinderung anerkannt bekamen und ob es bei der Höhe der Bescheide regionale Unterschiede gibt.
All diese Fragen sind für Betroffene relevant und verweisen gleichzeitig auf die Schwere der Beeinträchtigung – gerade bei Menschen mit chronischer Migräne, die mindestens an der Hälfte des Monats an Kopfschmerzen leiden, sowie bei der besonders schwer betroffenen Gruppe der Patientinnen und Patienten mit therapierefraktärer Migräne, also solchen, bei denen alle vorhandenen Therapien nicht gewirkt haben.
Gleichzeitig stellen wir aber auch Fragen und sehen Punkte, die nicht aufgegriffen wurden: Bspw., ob über die Zahl der Therapieabbrüche aus Kostengründen infolge des GKV-Gesetzes bereits Aussagen getroffen werden können. Die Hilfesuchen Betroffener, die kein Folgerezept für ihre CGRP-Antikörper erhalten, treffen bei uns in den vergangenen vier Wochen vermehrt ein.
Wir bedauern, dass die Kleine Anfrage nicht auf die große Versorgungsstudie des Robert-Koch-Instituts Bezug nimmt. Das RKI, uns allen aus der Corona-Zeit durch die Inzidenzzahlen bekannt, ist die zentrale Bundesbehörde der Bundesrepublik Deutschland für die Überwachung, Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten. In der Studie „Burden 2020“ zeigte das RKI zahlreiche Mängel in der Migräne-Versorgung auf, die bislang nicht behoben sind. Mit einer Bezugnahme auf diese Studie hätten die Fragen zur Versorgungssituation mehr Gewicht erhalten. Wir vermissen zudem Fragen zur Versorgung von Migräne-betroffenen Kindern und Jugendlichen. Aus der Praxis und dem Kontakt zu Kinderärzt:innen erfahren wir, dass die Zahlen steigen. Zusätzlich leiden Kinder und Eltern unter Stigmatisierung und mangelndem Verständnis in der Schule – ein Problem, dem dringend mehr Beachtung geschenkt werden sollte.
Die Kleine Anfrage stellt auch die Frage nach Disease-Management-Programmen (DMP) und schlägt vor, der Gemeinsame Bundesausschuss möge ein solches Programm beauftragen. Hier können wir auf ein aktuell laufendes Innovationsfonds-Programm verweisen: Migra MD, das die multimodale Versorgung im ambulanten Bereich zum Gegenstand hat. Dieses Projekt ist es wert, in die Regelversorgung überführt zu werden, und kann dafür jede politische Unterstützung gebrauchen.
Die Anfrage der Linkspartei befasst sich zu Recht auch mit den volkswirtschaftlichen Kosten dieser Erkrankung, von der mehr als 10% der Bevölkerung betroffen sind. Für den deutschen Raum gibt es entsprechende Studien des WifOR-Instituts aus dem Jahr 2018 sowie eine ganz aktuelle Studie aus dem Jahr 2025. Die neuere Studie spricht von einer Belastung der europäischen Volkswirtschaften in Höhe von 1,2–2% der gesamten Wirtschaftsleistung. Für den Vorstand der MigräneLiga ist nicht ersichtlich, ob die Linksfraktion diese Studien nicht kennt oder ergänzend eigene Erhebungen der Bundesregierung fordert.
Trotz der hier beschriebenen Lücken begrüßt der Vorstand der MigräneLiga den Vorstoß im Rahmen der Kleinen Anfrage. Es wird Zeit, dass diese Erkrankung endlich auf höchster Ebene wahrgenommen wird. Auch die MigräneLiga engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Aktuell befasst sich eine Umfrage unter Betroffenen mit der Versorgung mit prophylaktischen Medikamenten bei Migräne. Die Umfrageergebnisse werden für die Kommunikation mit weiteren Gesundheitspolitiker:innen auch aus den Regierungsparteien benötigt. Leser:innen dieses Artikels sind eingeladen, ebenfalls an der Umfrage teilzunehmen:
Aufruf zur Umfrage der MigräneLiga
Direkt zur Umfrage: Umfrage zur Versorgung mit prophylaktischen Medikamenten bei Migräne
Die MigräneLiga – seit über 30 Jahren aktiv für Betroffene und Angehörige
Die MigräneLiga e.V. Deutschland informiert Betroffene und ihre Angehörigen über Migräne und hat rund 100 lokale Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland sowie mehrere Online-Gruppen. Zusätzlich organisiert sie Patientenveranstaltungen mit renommierten Experten und veröffentlicht neben nützlichen Broschüren sowie Flyern viermal jährlich das migräne magazin, das Mitglieder der Organisation kostenlos erhalten. Aktuelle Informationen findet man auf www.migraeneliga.de sowie auf Facebook und Instagram. Der gemeinnützige Verein arbeitet mit Medizinern, Kliniken sowie Krankenkassen zusammen.
Weitere Informationen:
MigräneLiga e.V. Deutschland, Veronika Bäcker (Präsidentin)
Willy-Brandt-Str. 20, 76829 Landau
veronika.baecker@migraeneliga.de
Katrin Böhnke, Vizepräsidentin,
katrin.boehnke@migraeneliga.org
Telefon: 06341 – 67 32 456
Quellennachweis:
Studie des RKI:
Journal of Health Monitoring · 2020 5(S6) DOI 10.25646/6988.2 Robert Koch-Institut, Berlin
Michael Porst 1, Annelene Wengler 1, Janko Leddin 1, Hannelore Neuhauser 1, Zaza Katsarava 2,
3, 4, 5, Elena von der Lippe 1, Aline Anton 1, Thomas Ziese 1, Alexander Rommel 1, für die
BURDEN 2020 study group
Seddik, A. et al. (2018). Krankheitslast und sozioökonomische Auswirkungen von Migräne in
Deutschland, Darmstadt, WiFOR GmbH.
Davide Lovera, MMedSc, Jasper Ubels, PhD RESEARCH REPORT (JUNE 2025),The socioeconomic burden of migraine, The case of 6 European Countries, WifOR Darmstadt