Migräne historisch

Aus dem Buch „Migräne Ursachen, Formen, Therapie” von Matthias Keidel.
Abdruck im migräne magazin 41

Migräne historisch
Migräne historisch

Migräne ist seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte bekannt. Früheste Belege reichen bis ins sechste Jahrtausend vor Christus zurück. Entsprechend der magisch-mystischen und religiösen Vorstellungen der Frühzeit wurde der Kopfschmerz als das Werk böswilliger Geister angesehen, wie sich sumerischen, babylonischen und assyrischen Tafeln bzw. Schriften entnehmen lässt. In den Schädel gemeißelte Löcher (Trepanationen) sollten wahrscheinlich dazu dienen, die für die Kopfschmerzen verantwortlichen bösen Geister aus Kopf und Gehirn erreichen zu lassen. Solche Schädel-Trepanationen wurden noch in der Zeit der Renaissance durchgeführt.

Auch die Pharaonen litten schon unter Migräne. Auf einem ägyptischen Papyrus aus dem Jahr 1200 v.Chr. wird ein Migräne- Anfall mit einseitigem Kopfschmerz mit Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie vorhergehenden Sehstörungen als „Krankheit des halben Kopfes” beschrieben. Linderung sollten Bet-Rituale schaffen oder die Anbetung des Gottes Horos, der ebenfalls an einseitigem Kopfschmerz litt. Als Therapie wurde in dem Papyrus empfohlen, ein wohl symbolisch gemeintes Krokodil mit Getreide im Maul mit einem Leinen, auf das Namen von Göttern geschrieben sind, auf den Kopf des Leidenden zu binden Beschwörungs- und Zauberformeln sollten die schmerzverursachenden Dämonen vertreiben.

Neben den Pharaonen

hatten auch die ägyptischen Götter unter Kopfschmerzen zu leiden. So rief die Gottheit Horos die Götter Isis und Nephthys an; diese sollten ihm einen Ersatzkopf vom Himmel schicken, da er seinen einseitigen Kopfschmerz nicht mehr länger ertragen könne. Auch Zeus, der höchste griechische Gott, litt unter unerträglichem Kopfschmerz, aufgrund dessen er den Gott Vulkan zwang, seinen Kopf mit einer Axt zu spalten, um so entsprechend der mythologischen Überlieferung Pallas Athene, die Gottheit der Weisheit, gebären zu können.

Hippokrates (460-375), der Vater der „Schulmedizin”, beschreibt in seinen Werken Kopfschmerz als einen häufigen Beschwerdekomplex gefährlicher Erkrankungen mit Fieber, Übelkeit und Erbrechen. Dem griechischen Arzt Aretaios von Kappadokien wird die erste ausführliche Beschreibung einer Migräne-Attacke zugesprochen: „Und in festgelegten Fällen schmerzt der gesamte Kopf, und der Schmerz befindet sich zuweilen auf der rechten Seite und zuweilen auf der linken Seite oder in der Stirn oder der Kalotte. Und solche Attacken verändern ihre Lokalisation während des gleichen Tages…
Man bezeichnet dies als Heterokranie, eine keineswegs leichte Erkrankung… Sie bedingt quälende, böse Symptome… Übelkeit, Erbrechen, galliger Stoffwechsel, schwere Behinderung des Betroffenen…
Es entsteht viel Starrheit, Schwere des Kopfes, Angst, und das Leben wird zur Last. Denn die Erkrankten meiden das Licht, die Dunkelheit verbessert ihr Leiden. Sie können es auch nicht erdulden, etwas Angenehmes zu sehen oder zu hören… Die Erkrankten sind des Lebens überdrüssig und möchten sterben.”

Migräne historisch - Stein
Migräne historisch – Stein

In seinem Lehrbuch
mit dem Titel Neurologische Erkrankung unterschied Aretaios von Kappadekien neben dem einseitigen Kopfschmerz (Heterocrania) einen attackenweise auftretenden Kopfschmerz (Cephalalgia) und einen dauernden Kopfschmerz (Cephalaea)

Arelaios kann somit als Vater der modernen Kopfschmerzklassifikation angesehen werden. Gleichbedeutend mit Heterocrania führte Galen von Pergamon (131-201) die Bezeichnung Heterocrania ein, für die aus der Leber zum Kopf aufsteigende giftige Dämpfe verantwortlich seien. Er nahm an, dass gelbe Galle Hirnhäute und das Gehirn reizen würde. Der Migräne-Kopfschmerz sei jedoch nur halbseitig, da die gelbe Galle durch die mittlere Hirnhaut, die beide Hirnhälften trennt, zurückgehalten werde und so ein Übertritt auf die andere Hirnhälfte verhindert werde.

Während im Altertum die Säftemedizin im Vordergrund stand, war das Mittelalter von der Kloster- und Kräutermedizin geprägt. Zeugnisse belegen, dass im 13. Jahrhundert versucht wurde, mit einem mit Essig oder Opium getränkten Schwamm Kopfschmerzen zu behandeln. Es ist die gleiche Zeit, in der Hildegard von Bingen (1098-1179) als Mystikerin und Nonne ihre göttlichen „Visionen” beschreibt, die als eine Schilderung visueller Migräne-Auren gedeutet werden. Hildegard von Bingen begründete die Einseitigkeit des Migräne-Kopfschmerzes mit der Annahme, dass der heftige Kopfschmerz nicht ertragen werden könne, wenn er beidseitig aufträte. Thomas Willis (1622-1675) beschrieb in seinem Lehrbuch der Neurologie (1672) die verschiedenen Phasen einer Migräne-Attacke, die unterschiedlichen Bedingungen einer Migräne-Aura und Hunger als einen auslösenden Faktor. Als Ursache der Migräne-Attacke nahm er eine veränderte Weite der Hirngefäße an (vaskuläre Migräne-Theorie). Willis ging davon aus, dass die Migräne durch eine Gefäßerweiterung verursacht wird. Dieser Theorie der gefäßbedingten Entstehung der Migräne stellte Edward Liveing im 19. Jahrhundert eine „neurogene” Migräne-Theorie (1873) gegenüber und sah in dem Migräne-Leiden eine Erkrankung des Nervensystems, nicht aber eine Störung der Hirndurchblutung. Neuere Erkenntnisse stützen die neurogene, d h. nervenzell erursachte Entstehung einer Migräne-Attacke.

Auszug aus:
Migräne Ursachen, Formen, Therapie
Von Matthias Keidel
erschienen im Verlag C. H. Beck, München
Foto: © Beck Verlag