Pressemitteilung: AU-​Pflicht ab dem ersten Krankheitstag: Bundesregierung macht aus Migränepatienten Bittsteller

6. Juli 2026 

AU-​Pflicht ab dem ersten Krankheitstag: Bundesregierung macht aus Migränepatienten Bittsteller

Die MigräneLiga e.V. Deutschland warnt eindringlich vor den Plänen der Bundesregierung, künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzulegen. Die geplante Regelung droht aus Sicht der Patientenorganisation zu einer massiven Benachteiligung von Menschen mit Migräne und anderen chronischen Erkrankungen zu werden.

„Wer glaubt, Menschen mit Migräne könnten während einer Attacke problemlos eine Arztpraxis aufsuchen, hat die Realität dieser Erkrankung nicht verstanden.“ so Veronika Bäcker, Präsidentin der MigräneLiga.

Über 10 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Migräne, etwa 100.000 Menschen sind täglich wegen Kopfschmerzen arbeitsunfähig. Während einer Attacke, die zumeist nur 1–2 Tage dauert, leiden Betroffene unter starken Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie neurologischen Ausfällen wie Seh- oder Sprachstörungen. Viele können das Haus nicht verlassen. Manche können nicht einmal Licht ertragen.

Dennoch sollen genau diese Menschen künftig gezwungen werden, sich auf den Weg in eine Arztpraxis zu machen, um ihre Arbeitsunfähigkeit nachzuweisen.

Wer unter einer schweren Migräneattacke leidet, ist oftmals nicht verkehrstüchtig. Betroffene dürfen aufgrund von Sehstörungen, Schwindel oder der Wirkung von Akutmedikamenten häufig weder Auto fahren noch sicher am Straßenverkehr teilnehmen. Die Folge: Angehörige müssen einspringen, Termine organisieren und Arbeitszeit opfern, damit ein Arztbesuch überhaupt möglich wird.

Statt Bürokratie abzubauen, schafft die Bundesregierung neue Hürden für diejenigen, die ohnehin bereits mit gesundheitlichen Einschränkungen leben.

Besonders widersprüchlich erscheint die Maßnahme vor dem Hintergrund, dass Politik und Wirtschaft seit Jahren eine stärkere Erwerbsbeteiligung fordern. Menschen mit chronischen Erkrankungen bemühen sich täglich darum, trotz ihrer gesundheitlichen Belastungen am Arbeitsleben teilzunehmen. Die geplante Regelung erschwert genau diese Teilhabe.

Wer mit einer Migräneattacke in einer überfüllten Arztpraxis sitzt, wird nicht schneller gesund. Im Gegenteil: Helles Licht, Wartezeiten, Lärm und zahlreiche Reize können die Beschwerden erheblich verstärken. Gleichzeitig steigt das Risiko zusätzlicher Infektionen, die wiederum neue Migräneattacken auslösen oder bestehende Erkrankungen verschlimmern können.

Für die Betroffenen entsteht Belastung. Für die Arztpraxen entsteht Mehraufwand. Für das Gesundheitssystem entstehen zusätzliche Kosten.

Der regelmäßige Arztkontakt erfolgt in der Regel außerhalb einer Migräneattacke und dient der Überprüfung sowie der Anpassung der Akut- und Prophylaxetherapie. Ein zusätzlicher Praxisbesuch während einer akuten Attacke allein zur Ausstellung einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bietet hingegen in den meisten Fällen keinen zusätzlichen medizinischen Nutzen.

„Wer eine Migräneattacke hat, die eine Krankschreibung erforderlich macht, ist häufig gerade nicht mehr in der Lage, eine Arztpraxis aufzusuchen. Wer noch problemlos in die Praxis kommen kann, benötigt oft gar keine Krankschreibung.“, so Veronika Bäcker, Präsidentin der MigräneLiga.

Die MigräneLiga befürchtet, dass die geplante Regelung zu längeren Krankheitsverläufen, mehr Bürokratie und einer weiteren Ausgrenzung chronisch kranker Menschen führt. Bereits heute erleben viele Migränebetroffene Vorurteile und den unterschwelligen Verdacht, ihre Erkrankung sei nicht schwerwiegend genug. Die geplante AU-​Pflicht sendet aus Sicht der Organisation ein fatales Signal: Statt Vertrauen entsteht Misstrauen, statt Teilhabe entstehen neue Barrieren.

Die Kritik an der geplanten Regelung wird auch von anderen Akteuren im Gesundheitswesen geteilt. So hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung den zusätzlichen bürokratischen Aufwand für die Praxen deutlich kritisiert. Auch die BAG SELBSTHILFE spricht sich gegen eine verpflichtende persönliche Vorstellung am ersten Krankheitstag aus und plädiert dafür, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen weiterhin – soweit medizinisch vertretbar – telefonisch oder digital ausstellen zu können.

Was jedoch helfen kann, die Zahl der Arbeitsausfälle wegen Migräne deutlich zu reduzieren ist eine Mischung aus einer individuell angepassten optimalen Akuttherapie, einer wirksamen Prophylaxe für Menschen, die häufiger an Migräne-​Attacken leiden, Aufklärung über die Therapiemöglichkeiten und die Vermeidung von Stigmatisierung Betroffener.

Die MigräneLiga e.V. Deutschland fordert die Bundesregierung deshalb auf, von einer verpflichtenden persönlichen Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag Abstand zu nehmen. Menschen mit chronischen Erkrankungen brauchen keine zusätzlichen Hürden, sondern Rahmenbedingungen, die ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen.

Wer chronisch kranke Menschen immer stärker unter Generalverdacht stellt, riskiert am Ende genau das Gegenteil dessen, was erreicht werden soll: weniger Teilhabe, längere Ausfallzeiten und höhere Kosten für das Gesundheitssystem.

Landau in der Pfalz, 04.07.2026

Presseanfragen bitte an:

MigräneLiga e.V. Deutschland

Veronika Bäcker (Präsidentin)

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Telefon: 06341 – 67 32 456, Fax: 06341 – 67 32 457, www​.migraeneliga​.de