Wem nützt eine Migräne-​Brille?

Hintergründe und Tipps zu Lichtempfindlichkeit

Interview mit Prof. Schankin

Wem nützt eine Migräne-​Brille?

Menschen mit Migräne sind häufig besonders lichtempfindlich. Der Neurologe Prof. Dr. Christoph Schankin aus Bern erläutert, wie es dazu kommt und wann eine Migräne-​Brille sinnvoll ist. Bei der Dreiländertagung letztes Jahr in Interlaken sprach Prof. Dr. med. Christoph Schankin, Leitender Arzt und Leiter der Kopfschmerz-​Sprechstunde am Inselspital Bern, über visuelle Phänomene im Zusammenhang mit Migräne. Eines dieser Phänomene ist eine erhöhte Lichtund Blend-​Empfindlichkeit. Das migräne magazin fragte im Interview nach.

migräne magazin: Herr Prof. Schankin, Sie sagten in Ihrem Vortrag, Migräne-​Patienten seien von Natur aus photophob, also lichtempfindlich?

Prof. Schankin: Bekannt ist eine starke Photophobie während der Migräne-​Attacke; sie trifft etwa 80 Prozent der Patienten. Doch viele sind auch außerhalb der Attacke lichtempfindlicher. Setzt man Personen versuchsweise zunehmender Helligkeit aus, schmerzen allen irgendwann die Augen. Aber Menschen ohne Migräne vertragen deutlich mehr Helligkeit.

mm: Was ist über die Ursachen bekannt?

Prof. Schankin: Richtig gut erklären können wir uns das bisher nicht. Wir gehen davon aus, dass Migräne eine Erkrankung ist, bei der in der Attacke die körpereigenen Filtersysteme verrückt spielen. Davon kann jedes Sinnesorgan betroffen sein, Auge, Ohr, Haut, Magen-​Darm-​Trakt. Die Sinnesorgane nehmen immer etwas wahr – das wird uns in der Regel aber nicht bewusst. Die Wahrnehmung wird also unterdrückt. Wie das im gesunden Zustand funktioniert, ist unklar. Relativ viel wissen wir bereits über Schmerz, etwa, warum jemand Kopfschmerzen bekommt. Man geht davon aus, dass es Analogien zwischen Schmerz und Licht gibt. Genaueres ist aber noch nicht bekannt.

Was schon erforscht ist: Es gibt Schrittmacher im Gehirn, die die zentrale Wahrnehmung steuern. Diese Hirnregionen sind im gesunden Zustand dauerhaft aktiv. Sie filtern und unterdrücken die Wahrnehmung. Ohne sie könnten wir nicht funktionieren, weil wir überwältigt wären von Sinneseindrücken, die ständig auf uns einprasseln. Dabei sind die Hirnhäute die ganze Zeit aktiv. Könnte der Mensch das nicht unterdrücken, hätte er die ganze Zeit Kopfweh.

Eine Rolle spielt dabei wohl der Hypothalamus, eine Struktur im Gehirn, die Schlaf, Essen und Antrieb steuert. Vermutlich steuert er auch Schmerz und die Unterdrückung der Wahrnehmung. Bei der MigräneAttacke verändert er seine Funktion, die Schutzfunktion bricht zusammen. Dann gelangen mehr Sinnesreize ins Gehirn, die Betroffenen sind licht- und schmerzempfindlich.

mm: Was tun gegen Lichtüberempfindlichkeit?

Prof. Schankin: Eine Möglichkeit ist, diesen Filter zu reaktivieren, die zweite, den Input runterzufahren.

Zu Möglichkeit 1: Das Steuerzentrum lässt sich mit Medikamenten reaktivieren, die wir bei Migräne als Prophylaxe-​Medikamente kennen. Das sind etwa Betablocker und Antidepressiva. Sie können die sogenannte Abwärts-​Hemmung aktivieren, also den inneren Filtermechanismus verstärken. Auch Akutmedikamente, die man in der Migräne-​Attacke gibt, helfen, vor allem Triptane. Tierexperimente belegen, dass sie den Filter wieder anwerfen können. Aber auch nichtmedikamentöse Methoden sind nützlich: Wir gehen davon aus, dass Ausdauersport und Entspannungsverfahren den Filtermechanismus zwischen den Attacken verbessern können.

mm: Und was bedeutet „den Input runterfahren“?

Prof. Schankin: Zum Beispiel das, was Patienten mit einer Migräne tun: Sie gehen von sich aus in einen dunklen Raum, um der Lichtempfindlichkeit zu entwischen. Das funktioniert, wenn man wenige Attacken hat. Bei vielen Patienten ist es aber keine Lösung. Sie müssen die Prophylaxe in den Vordergrund rücken.

Ist die Lichtempfindlichkeit auch zwischen den Attacken ausgeprägt, ist die Behandlung schwieriger. Sie zielt nicht auf einen episodisch zusammenbrechenden Filtermechanismus, sondern man müsste einen dauerhaft kranken Filtermechanismus. Dafür haben wir bislang kein passendes Medikament.

Viele Patienten reagieren jedoch Licht empfindlich, sondern es ist möglich herauszufinden, welche der Lichtfrequenzen für sie ein Problem darstellt. Manchmal ist das beispielsweise nur blaues, rotes oder gelbes Licht.

mm: Hilft dann eine spezielle Brille?

Prof. Schankin: Ja, viele Betroffene sprechen beispielsweise auf Blaulicht-​Filter an. Es gibt auch gute Studien zu grünem Licht, Tierversuche, die sich auf den Menschen übertragen lassen.

Die Forscher haben nachgewie-​sen, dass grünes Licht in der Migräneattacke kaum Schmerzen aktivierte, während andere Frequenzen dies taten. Es gibt Hinweise darauf, dass diesen Personen eine Brille hilft, die nur grünes Licht durchlässt. Manche Hersteller bieten Brillen an, die speziell für Migräne-​Betroffene entwickelt wurden (siehe Kasten links).Wir können aber nicht voraussagen, bei wem welche Frequenz das Problem ist. Ich rate, zu einem Optiker zu gehen, der verschiedene Filter zur Verfügung hat. Man sollte die Möglichkeit haben, sie eine Zeit lang zu Hause auszuprobieren.

mm: Genügt bei Lichtempfindlichkeit nicht einfach eine Sonnenbrille?

Prof. Schankin: Ist jemand nur während der Attacke lichtempfindlich, hilft das sicher auch. Bei Patienten, die dauerhaft photophob sind, reicht es oft nicht.

mm: Wem würden Sie zu einer speziellen Brille raten?

Prof. Schankin: Ich empfehle folgende Strategie: Für Patien-​ten, die während der Attacke lichtempfindlich sind, ist die Akuttherapie entscheidend, um die Attacke zu stoppen. Unterstützend sind vorbeugende Le-​bensstil-​Änderungen sinnvoll, etwa Bewegung. Bei sehr vielen Attacken sollte eine Prophylaxe dazukommen, damit die Häufigkeit abnimmt. Begleiterkrankungen wie Depressionen sollten behandelt werden. Ziel ist, die Migräne optimal zu behandeln und den Input herunterzufahren.

Während der Attacke kann eine Sonnenbrille hilfreich sein. Wer aber auch zwischen Attacken lichtempfindlich ist, sollte eine spezifische Filterbrille ausprobieren und versuchen, die für sich optimale Zusammensetzung herauszufinden.

Ich warne jedoch davor, eine solche Brille dauerhaft zu tragen.

Das kann zu einer Dekonditionierung führen: Das Gehirn reagiert dann immer empfindlicher auf Helligkeit und der Betroffene verträgt zunehmend weniger Licht – ein gefährlicher Teufelskreis. In seltenen Fällen kann das dazu führen, dass Menschen sich nur noch im Dunkeln aufhalten.

Interview: Anja Rech

Wie funktioniert die Migräne-​Brille?

Viele Optiker bieten den Spezialfilter FL-​41 als violett-​bräunliche Migräne-​Brille (Foto) gegen Lichtempfindlichkeit an. Er filtert Licht im Bereich zwischen 450 und 550 Nanometern heraus, also Blautöne und etwas Grün. Dieser Wellenlängen-​Bereich aktiviert vermutlich Rezeptoren in der Netzhaut des Auges, die Einfluss auf die Entstehung von Migräne-​Attacken und die damit verbundene Lichtempflindlichkeit haben.

Der Filter FL-​41 wurde vor über 20 Jahren entwickelt, um Kopfschmerzen zu reduzieren, die durch Flimmern von Leuchtstoffröhren hervorgerufen werden. In einer Studie konnte er bei Kindern in diesem Fall die Lichtempfindlichkeit und die Häufigkeit von Migräne-​Attacken reduzieren. „Die Studienlage ist noch nicht ausreichend für eindeutige Empfehlungen, aber wir sehen, dass es Menschen gibt, die davon profitieren“, erklärt Ivonne Krawczyk von der Fielmann-​Akademie. Die Gläser werden mit verschieden intensiver Tönung angeboten, von etwa 25 bis 75 Prozent. „Stark getönte Gläser wirken dunkellila, die Farbveränderung ist aber gering“, sagt Krawczyk. „Man gewöhnt sich schnell daran, und sie sind auch für den Straßenverkehr am Tag zugelassen.“ Auch sie warnt wie Prof. Schankin davor, stark getönte Brillen permanent zu tragen.

Die Filtergläser können als Einstärkengläser, mit Korrektion, als Gleitsichtgläser oder als Aufsetzer auf die bisherige Brille verwendet werden. Je nach Vielseitiges Therapieangebot: Produkt können sie mehrere hundert Euro kosten.

Frau mit Sonnenbrille und roter Jacke, die beim MigräneLiga e.V. Deutschland aktiv ist, unterstützt Betroffene und setzt sich für Aufklärung und bessere Behandlungsmöglichkeiten bei Migräne ein.
Veronika Bäcker

Migräne-​Brille getestet – ein Erfahrungsbericht

Im Gruppentreffen der Selbsthilfegruppe Migräne Landau kamen starke Lichtempfindlichkeit und blendendes Licht als mögliche Auslöser einer Migräne-​Attacke zur Sprache. Daraufhin ließen sich ein Gruppenmitglied und Gruppenleiterin Veronika Bäcker (Foto) bei Brillen Kunz, einem ortsansässigen Optiker, beraten. Dominik Wissmeier-​Wolf, einer der Geschäftsführer, nahm sich Zeit, mit uns über das Thema Lichtempfindlichkeit bei Migräne zu sprechen und bot uns an, Brillen-​Vorhänger der Firma Eschenbach zum Testen zu bestellen.

Die Gläser „Acunis“, die laut Hersteller den Lichtanteil filtern sollen, der bei Migräne und Lichtempfindlichkeit als besonders störend empfunden wird (s.o.), gibt es in drei Stärken. Wir konnten alle drei mehrere Tage lang testen. Eine Hoffnung war, dass die Gläser die häufig auftretenden Migräne-​Attacken des Gruppenmitglieds nach Autofahrten verhindern. Zwar erwiesen sich die Gläser als angenehm, entgegenkommende Scheinwerfer von Autos blendeten weniger. Doch leider hatte die lange Autofahrt dennoch eine Attacke zur Folge.

Die Erfahrung von Veronika Bäcker: Die starke Tönung und die damit einhergehende Veränderung der Farben der Umgebung nahm ich als sehr störend und irritierend wahr. Mein Fazit: Ich würde jedem, der sich für diese Gläser interessiert raten, sie vor dem Kauf probeweise zu testen. Danke an Herrn Wissmeier-​Wolf und Optik Kunz in Landau, dass wir die Gläser ausprobieren durften!

Veronika Bäcker

Autor Dr. Timo Klan Psychologischer Psychotherapeut Leitung Schmerzschwerpunkt Psychologisches Institut der Universität Mainz Wallstraße 3 55122 Mainz/​Germany https://​klipsy​.uni​-mainz​.de/